Für Carlson #10G30T

Das Ringen des Telefons ließ mich von meiner Arbeit hochschrecken. Ein kleiner Raubüberfall kostete mich jeden Nerv. Es war so eindeutig und doch stritt der Junge es ab. Kurz schloss ich die Akte, um den Hörer an mein Ohr zu halten. „Detective Carlson, New Yorker Police Department. Was kann ich für sie tun?“
Eine weibliche Stimme antwortete mir sofort. „Officer MacMillan hier. Es wurde eine Leiche in Red Hook gefunden…“
„…Red Hook ist nicht mein Einsatzgebiet.“
Ich unterbrach sie, ehe sie weiterredete. Wahrscheinlich war sie eine der Frischlinge, wodurch sie es nicht wissen konnte. Dennoch flichte ich innerlich über ihre Unerfahrenheit. Eine Leiche und ich war mal wieder nicht dafür zuständig. Mit ihrer sanften, aber doch strengen Stimme holte sie mich aus meinem Gedanken.
„Uns ist bewusst, dass es nicht ihr Bezirk ist, aber sie wurden…“
Kurz suchte sie nach den richtigen Worten, „… angefordert.“
Nun wurde ich doch neugierig. Es wurde nie nach mir gefragt.
„Wer hat mich angefordert?“
Wenige Momente druckste sie herum und wollte nicht mit der Sprache rausrücken, als ihr das Telefon abgenommen wurde.
„Nathan, fragen Sie nicht so bescheuert. Erheben sie sich aus ihrem Sessel und kommen sie umgehend hierher!“
Das hatte mir gerade noch gefehlt. O’Hara hatte mir nicht nur einmal einen Fall gestohlen. Dies scheint jetzt meine Gelegenheit zu sein, um allen zu zeigen, dass ich ebenso den Mörder fassen kann.
„Wo genau in Red Hook?“
„Das werden sie schon sehen.“
Mit diesen Worten legte er auf und ich starrte verwundert auf das Telefon. Voller Tatendrang warf ich mir meine Jacke über und machte mich auf den Weg.

Gerade als ich Richtung Hafen einbog, sah ich schon das Blaulicht der Kollegen. Zusammen mit den Scheinwerfern der New Yorker Feuerwehr beleuchteten sie den gesamten Hafen. Schnell parkte ich meinen Wagen bei der nächsten Gelegenheit und ging hinter die Absperrung. O’Hara kam mir bereits entgegen.
„Da sind sie ja endlich, verdammt! Was hat da so lange gedauert?“
„Stau auf der Union Street. Irgendein Idiot meinte Kamikaze spielen zu müssen.“
Er nickt nur beiläufig und geht voran.
„Kommen Sie, damit wir ihn endlich wegschaffen können.“
„Die Leiche?“
Er starrt ungläubig zu mir.
„Nein, den verdammten Hafen. Herr Gott Carlson, wie lange sind sie im Amt? Ich hoffe, sie kippen bei dem Anblick nicht um.“
Den letzten Satz flüsterte er nur, doch ich verstand jedes Wort. Ich mochte unerfahren sein, aber dumm war ich nicht. Nachdem wir einige Meter gegangen waren, begrüßte mich eine schlanke, brünette Kollegin.
„MacMillan, wir hatten telefoniert.“
Sie reichte mir ihre Hand und ich nahm sie sofort. Ihre Stimme war wieder sanft und doch energisch. „Also, wer hat mich angefordert?“
Voller Tatendrang wollte ich mich auf meine Arbeit stürzen, aber MacMillan bremste mich aus.
„Um genau zu sein, niemand von uns.“
Mitleidig sah sie zu mir auf und wechselte den Blick kurz zu O’Hara.
„Wie es scheint, wollte jemand, dass sie das sehen.“
Mein verwirrter Blick ging an ihr vorbei, als sie hinter sich zeigte. Vor uns stand ein Kran, der ebenso abgesperrt war, wie das Gebiet. Wahrscheinlich diente er dazu, die Ware vom Hafen auf die Schiffe zu laden beziehungsweise die Frachter zu entladen. Ich konnte vorerst nichts ungewöhnliches erkennen, bis mein Blick weiter hinauf wanderte und mein Herz einen Schlag aussetzte. Entlang des Krans war groß und breit ‚Für Carlson‘ aufgesprüht. Am Ende des Armes hing die Leiche. Seine Bauchdecke war aufgeschnitten, doch innen konnte man nichts mehr erkennen. Er wurde komplett ausgeweidet. Aufgehongen wurde er mit zwei Haken an den Schultern, wie ein Schwein, das auf der Schlachtbank lag. So zerstörend es auch aussah, ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Wie konnte jemand so kaltherzig sein und einem anderen Menschen so etwas antun? MacMillan holte mich aus meiner Starre.
„Haben Sie eine Vermutung, wer es ‚Für sie‘ getan hat?“
Sie scheint mit ihren jungen Jahren genauso wenig Erfahrung wie ich zu besitzen. Allerdings weiß ich mittlerweile, dass es kein Zuckerschlecken wird.
„Hören Sie, ich habe nicht nur einen Menschen hinter Gitter gesteckt. Das könnte jeder von ihnen gewesen sein…“
O’Hara fiel mir sogleich ins Wort.
„Denken Sie, dass sie es hinbekommen?“
„Was sollte mich daran hindern?“
Er sah mich ungläubig an.
„Er hat es eindeutig auf sie abgesehen. So wie es scheint, läuft im Kopf dieses Menschen eine Menge falsch. Es ist nicht auszuschließen, dass es die einzige Leiche sein wird. Kommen Sie damit klar?“
Eine Sekunde dachte ich darüber nach. Der Schriftzug zeigte eindeutig meinen Namen. Bei der Leiche hatte er keine Mühe gescheut. Die Frage, die ich mir stellte, war nicht, was für Folgen es für mich haben könnte. Ich sorgte mich mehr darum, was passieren würde, wenn ich es nicht tat. Dazu kam, dass ich, sollte ich den Fall tatsächlich lösen, nicht nur meinen Gehaltscheck aufbessern konnte, sondern auch im Ansehen meiner Kollegen stieg. Diese Faktoren reichten mir, um zu einem Ergebnis zu kommen.
„Natürlich werde ich damit fertig! Ich mache es.“
Ein tiefes Seufzen aus O’Haras Brust verriet mir, dass es nicht die Antwort war, die er erhofft hatte. Trotzdem nahm er es hin und gab Anweisungen, die Leiche herunterzulassen. Kurz salutierte er vor mir und verschwand dann zwischen den Pressesprechern. MacMillan sah mich weiterhin mitleidig an.
„Ich schaffe das schon.“
Mit einem Nicken ließ sie keinen Zweifel zu.
„Sollten sie irgendetwas brauchen, sagen sie es mir. Ich werde sehen, was ich tun kann.“
Ich bedankte mich bei ihr und ging näher zum Kran. Trotz der Kälte wartete ich darauf, dass die Gerichtsmediziner mir die erste Beurteilung gaben.

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