Stress am Morgen #10G30T

Das Hupen, die Sonne, die Wärme… Warum ausgerechnet heute? Ich bin bereits nach einer viel zu kurzen Nacht mit Kopfschmerzen aufgestanden. Die Umstände hier auf der Autobahn machen das nicht gerade besser. Genervt massiere ich meine Schläfe und starre auf das Auto vor mir. In meinem Kopf gehe ich den gesamten Businessplan für das Meeting noch einmal durch. Warum musste ich auch das Angebot annehmen? Ich halte nie Meetings außerhalb der Stadt. Wieder und wieder gehe ich das Verkaufsgespräch durch. Ich rufe es in mein Gedächtnis zurück, um seine Strategie zu erkennen. Doch das einzige, woran ich mich erinnern kann, sind diese faszinierenden grünen Augen. Jede Sekunde war ich von ihnen gefesselt. Ich kann mich nicht einmal mehr an seine Worte erinnern. Das passiert mir nie. Ich bin jedes mal hochkonzentriert, um mich ja nicht beirren zu lassen.
Diese Erkenntnis gepaart mit der Hitze, meinen Kopfschmerzen und dem Lärm treiben das Stresslevel in die Höhe. Kurz schließe ich die Augen, um mich sammeln zu können. Dreimal atme ich tief durch, ehe ich sie wieder öffne und schaue, ob denn wenigstens auf einer meiner benachbarten Fahrbahnen die Autos rollen. Doch was ich sehe, ist alles andere als erhofft. Die Autos stehen still. Neben mir steht eine Familie. Mutter, Vater und Kind. Alle drei sehen glücklich aus und als würde das nicht reichen, lachen sie auch noch. Wie kann man, unter diesen Umständen so glücklich sein? Nicht einmal wenn meine liebsten Kollegen dabei sind, kann ich so fröhlich sein. Was machen diese Menschen anders? Was haben Sie, was ich nicht habe? Wehmut macht sich in mir breit. Erinnerungsfetzen erscheinen in meinem Kopf. Bilder wie meine Eltern mit mir und meinen Geschwistern in den Urlaub gefahren sind. Wir haben auch gelacht. Wir waren glücklich und sorglos. Oder war ich das nur, weil ich ein Kind war und es nicht besser wusste? Schnell schiebe ich diese Fragen beiseite und beobachte weiter die Familie. Sie scheinen ein Spiel zu spielen. Immer wieder dreht sich einer der drei suchend um, ehe er etwas erzählt und die beiden anderen ebenso suchen. Danach freuen sie sich. Wahrscheinlich hat derjenige richtig geraten. Aber was? Wieder beginnt es von neuem und der Vater sieht sich suchend um, bis er in meine Richtung starrt. Ich bin so fasziniert von diesem Spiel, dass ich nur das Kind beobachte, wie es glücklich spielt. Als ich mitbekommen, dass der Mann mich ansieht, beginnt er auch schon zu lächeln und zu winken. Das Kind folgt seinem Blick und tut es ihm gleich. Ich fühle mich ertappt. Ich kann spüren, wir mir die Röte ins Gesicht zieht. Verlegen schaue ich wieder auf die Fahrbahn, auf der die Autos langsam wieder ins Rollen kommen. Seit Jahren bin ich nicht mehr rot angelaufen. Ich habe in zig Seminaren gelernt, wie ich es unterdrücken und selbstsicher auftreten kann. Allein mit diesen Konzepten schaffe ich es so erfolgreich zu sein. Weshalb gehen all diese Erkenntnisse jetzt den Bach hinunter? Es ist mir peinlich die Familie beobachtet zu haben. Vollkommen in Gedanken versunken höre ich ein Hupen hinter mir. Kurz schrecke ich hoch und sehe, wie der Wagen vor mir bereits einige Meter entfernt ist. Schnell lege ich den Gang ein und bringe mein Auto zum Rollen.

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